Freie Arbeit
Manu Factum

Für Antropologen zählt zum Prozess der Menschwerdung auch die Benutzung von Werkzeugen. Das wichtigste Werkzeug unserer Spezies hat sich im Laufe der Evolution aus 27 Knochen gebildet. Die Hand als vieldimensional bewegliches Objekt ist weit mehr als ein Greifwerkzeug, mit ihr wird begriffen, sie ist ein Sinnesorgan, mit ihr wird gesprochen, gestikuliert und gezeigt. Mit zunehmender Elektrifizierung der beruflichen Tätigkeit mutiert die Hand im Arbeitsalltag zur Schnittstelle. Mit ihr werden Gehirn und Augen über Tastatur und Maus an den Rechner angeschlossen. So reduziert das sensorische Erlebnis der Finger sich auf die erhabenen Kunststoff-Markierungen bei „F“ und „J“, die die korrekte Position auf der QWERTZTastatur anzeigen.

Was sich in Händen lesen lässt, reicht über ein esoterisches Ausdeuten hinaus. Tätigkeiten hinterlassen – je länger sie ausgeübt werden – Spuren. Die Hand eines Schlossers ist eine
andere als die eines Geigenbauers, die eines Kochs eine andere als die eines Tischlers. Holzspäne, die sich in die Haut bohren, ganze Muskelpartien, die sich durch das Greifen stärker proportionieren und fast zwangsläufig – kleinere und größere Verletzungen. Markierungen auf und in der Oberfläche. Die fehlende Fingerkuppe als ständige Erinnerung an das scharfe Werkzeug, mit dem gearbeitet wird. Oder einfach nur die besondere Spröde, die sich durch die Rauheit des Werkstoffs einstellt.

Text von Peter Breuer